Ehemalige Förderschüler

Leicht gekürzter Brief eines ehemaligen Sonderschülers, betreut durch Frau Winnacker-Spitzl.
Inzwischen BA Germanistik und Philosophie mit 1,5 und Master Medien- und Kulturwissenschaften mit 1,3 derzeit Promovierung

Sehr geehrte Damen und Herren ,

Kürzlich erst erschien im deutschen Leitmedium Spiegel[1] wieder ein Artikel zu der ungerechten Verteilung von Bildungschancen und im Besonderen zu dem wohl schlimmsten aller Phänomene deutscher Bildungspolitik: zu der Aussonderung so genannter förderungsbedürftiger Schulkinder, denn darin sind die Deutschen europaweit offenbar meisterhaft. Eine aktuelle Statistik zeigt die Folgen: Lediglich erschütternde 0,2 % der Förderschulabgänger 2006 erreichte die Hochschulreife, derweil 77, 2 % noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss erhielt – Dies, glaube ich, wäre wohl der Zeitpunkt, mich Ihnen vorzustellen:

Vermeintliche Lernschwächen

Mein Name ist T.Y. und ich zähle zu denjenigen, prozentual wahrscheinlich ebenso wenigen Menschen, die – trotz einer langjährigen Laufbahn auf einer Sonderschule – 2005 das vollwertige Abitur erreichten. Zudem darf ich mich in der glücklichen Lage wähnen, seit Neuestem auch zu denjenigen ehemaligen Sonderschülern zählen zu dürfen, die 2008 den akademischen Abschlussgrad des universitären Bachelors (in Germanistik und Philosophie) absolvierten, wobei ich nicht einmal weiß, ob es bei diesem Bildungsstand neben mir überhaupt noch weitere Gleichgesinnte gibt, zumal ich mich mittlerweile im Masterstudium (der Medien- und Kulturwissenschaften) befinde.
Was meinen persönlichen Werdegang angeht, wurde ich mit sechs Jahren in die erste Grundschulklasse eingeschult, welche ich im darauf folgenden Jahr wiederholen musste. Als sich die Schulleitung auch nach diesem zweiten Anlauf darüber einig war, dass mein Weg hier endete, wurde ich mit 7 Jahren einer Sonderschule in Wuppertal überwiesen, wo ich weitere vier Jahre verbrachte.
Die offizielle Begründung meiner Sondierung war meine angebliche Lernschwäche, die mich wohl daran gehindert hätte, mit den anderen Grundschulkindern gleichzuziehen. Um dieser vermeintlichen Lern- und Entwicklungsblockierung langfristig vorzubeugen, sei es angemessener, mich in ein schulisches Umfeld zu integrieren, das Rücksicht auf meine Mängel nähme und mich dementsprechend fördere. Dass der wahre Grund meiner so genannten Lernschwäche jedoch auf meine familiären Verhältnisse und häuslichen Umstände zurückzuführen war, ignorierte die Grundschulleitung. Sie ignorierte, dass es einen Grund dafür geben musste, weshalb meine Eltern gegenüber der Schule und somit auch gegenüber dem Interesse meiner eigenen Lernfortschritte keine nennenswerte Präsenz zeigten; so ignorierte sie auch die Hintergründe der Tatsache, dass ich in der ersten ersten (!) Klasse der Grundschule nur ein einziges Mal meine Hausaufgaben gemacht hatte (am Einschulungstag, als wir Neuankömmlinge zu Hause wenige Kreise bunt nachzuzeichnen hatten); sie nahmen lediglich das Faktum zur Kenntnis, dass der verhaltensauffällige T. nun einmal verhaltensauffällig ist und ignorierten dabei völlig, dass Fakten nicht allein für sich stehen, sondern Anlass gebieten, nach den Gründen zu fragen, die zu solchen Fakten führen.
Rückblickend scheint es mir unglaublich, wie sehr man solche alarmierenden Anzeichen ignorieren konnte. Stattdessen wurde ich in zunehmendem Maße von meiner Grundschulklassenlehrerin Tag für Tag beschimpft und bloßgestellt. So ignorierte die Schule auch, dass es kein Wunder ist, wenn ohnehin vorhandene Aggressionspotenziale eines Schülers von den Attacken untauglicher Klassenlehrer umso mehr geschürt werden. Dementsprechend habe ich auch reagiert und mich mit Schülern geprügelt, wann immer sich mir die Gelegenheit bot. Zugestanden: Wie hätte die Schule auch wissen können, dass mein (inzwischen verstorbener) Vater Alkoholiker war und unsere Familie unentwegt tyrannisierte? Und wie hätte die Schule denn sonst zu dem Schluss kommen sollen, dass der kleine T. ja nur die Last fremdverschuldeter Handlungen trug? Er war ja noch ein Kind – über dessen Lebenshintergründe sich keiner erkundigte.
Vielleicht lässt sich der Schule nicht vorwerfen, dass diese Realität für sie ein blinder Fleck war, sehr wohl aber, dass sie ihrerseits nicht der Pflicht nachkam, Sorge darum zu tragen, dass es dieser Wirklichkeit ermöglicht werden sollte, in das pädagogische Blickfeld zu geraten – andernfalls könnte man dann ja ebenso gut behaupten, dass Unwissenheit also doch vor Strafe schütze. Die nicht wahrgenommene Verantwortungspflicht der Schule lässt sich auch nicht damit entschuldigen, dass es seinerzeit keine so ausgeprägten sozialinstitutionellen Vernetzungen gegeben habe wie heutzutage, mit denen man hätte kommunizieren können, damit eine grundsätzliche Schaffung von sozial gesunden Lebensverhältnissen gewährleistet werden kann. Oder wer will allen Ernstes behaupten, dass Fragen nach den zu verbessernden (Hinter-)Gründen dieser Missstände nicht in den Berufsbereich eines Lehrers fallen würden? Wer will mir überhaupt erzählen, dass das Lehrerdasein ein Beruf sei? Das Erziehungswesen ist keine berufsspezifizierte Zweckrationalität, sondern ein originärer Bestandteil der Lebenswelt, welcher als solcher wahrgenommen und behandelt gehört.

Glück im Unglück

Und wenn wir schon von Fakten sprechen, dann möchten wir auch bitte sehr nicht vergessen, dass Förderschulen Kinder de facto dümmer machen als sie sind, das zumindest ist das aktuelle Ergebnis der Untersuchungen von Hans Wocken, Professor für Pädagogik in Hamburg. Mit der Begründung, dass Kinder nur an den Ansprüchen wachsen, die man ihnen stellt, plädiert er dafür, dass alle Kinder auf eine Schule gehen sollten. Freilich mutet diese Forderung so radikal an, dass die Umsetzung angesichts des Status quo einem revolutionären Umbruch gleichkäme. Doch seiner Idee des fordernden Anspruches möchte ich aus meiner eigenen Erfahrung allemal beipflichten. Während meines langjährigen Aufenthaltes auf der Sonderschule habe ich Dinge gesehen, die man kaum glauben mag. Das Ausmaß der sozialen Schädigungen der „Sonderschulkinder“ war so groß und verstärkte sich noch in der beispielgebenden Peergroup, dass man nicht im Entferntesten an schulisches Lernen denken konnte. Von Lernklima konnte bei uns gar nicht erst die Rede sein. Wir tollten und keiften, kämpften und zerstörten, wie es uns geradeso in den Sinn kam. Das Gemeinschaftsniveau war so desolat, dass uns Werte wie Solidarität, Anstand, Disziplin, Mitgefühl, Scham und Wertschätzung weitestgehend fremd blieben. Wir lernten schon längst nicht mehr, sondern überlebten. Wie hätte man dies alles auch von uns abverlangen sollen? An uns wurden nun einmal keine Ansprüche gestellt, wir wurden lediglich zusammengerafft und verlebten die (un-)gemeinsame Zeit –
Bis mir Glück im Unglück zuteil werden und ich meine künftige Sonderschullehrerin kennen lernen sollte: Lieselotte Winnacker-Spitzl. Ich kann bar aller Übertreibung behaupten, dass ich ohne ihre Hilfe und Unterstützung nie zu dem geworden wäre, der ich heute bin. Ebenso wenig dramatisiere ich die Vergangenheit, wenn ich sage, dass sie inmitten des chaotischen Tollhauses die einzige war, die uns Menschlichkeit beibrachte. Hatte sie es doch tatsächlich geschafft, uns zu kultivieren – und wir glaubten daran. Plötzlich gingen wir durchaus friedfertiger miteinander um, halfen uns gegenseitig, brachten es in zunehmenden Maße sogar fertig, uns schulischen Dingen zu widmen, wirklich schulischen Dingen wie Zahlen und Buchstaben, eifrig und konzentriert. Plötzlich schlugen wir Bücher auf und entdeckten fremde Gedanken, lernten, dass es anderen schmerzte, wenn wir ihnen etwas zuleide taten und lernten darüber unsren eigenen Schmerz kennen. Wir erkannten, dass wir Frau Winnacker-Spitzl brauchten, weil es offenbar keinen anderen gab, der dazu imstande gewesen wäre, in uns etwas zu erwecken, das wir nicht für existent gehalten hätten.
Sie setzte alles daran, uns wieder in ein menschenwürdiges Leben einzugliedern. So schaffte sie es schließlich, außer mir noch weitere Klassenkameraden wieder in eine Regelschule zu integrieren (eine solche Quote ist für eine Einzelperson bemerkenswert). Dabei ist ihr Erfolgsrezept so einfach wie effektiv: Wertschätzung! heißt das Stichwort. Sie schätzte uns wert und entfachte so unser verborgenes Potenzial, von dem sie, wie ich, überzeugt ist, dass es jeder hat. Und wir erlebten es als Balsam für die Seele, gefordert zu werden, zeigen zu dürfen, dass auch wir etwas konnten. In ihrer Gegenwart fühlten wir uns wohl, groß und stark, so stark, dass wir sie allmorgendlich glatt umrannten, wenn sie um die Ecke gebogen kam und wir mit Freuderufen wie wild auf sie zuliefen. Wie oft empfing sie uns mit buchstäblich offenen Armen! Zuweilen sogar in die Knie gehend, so als müsse sie eine Lawine abfangen. Welch ein Glück!
Stets hob sie unsre Tugenden hervor und hielt sie uns entgegen, auf dass wir sehen und genießen mögen, wer wir sind (und sein können!). Sie bedeutete mir ein Spiegel, in dem ich die Welt aus einer positiven Perspektive sah, in dem ich mit eigenen Augen sah, zu welch erfüllenden Ergebnissen positives Handeln führt. So freute ich mich jeden Tag auf die Schule, wenn ich wieder bei ihr sein konnte, fern von zu Hause, wo mir nur das erbarmungswürdige Dasein eines vernachlässigten Kindes vorbehalten war. Zu Hause war für mich ein Ort der Sehnsucht nach Wohlbehagen und Wertschätzung, die ich nur bei ihr erfuhr.
Im Nachhinein erkenne ich, dass mein damaliger Zustand und die Sehnsucht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Person standen – bis ich ein wenig tiefer in den Spiegel blickte und plötzlich mich selbst sah…sah, dass ich all die Jahre im Grunde mein eigenes Spiegelbild beobachtete. Ich erkannte mich selbst und begriff, dass ich Frau Winnacker- Spitzl nicht mehr brauchte, dass mein Erfolg nicht mehr von ihr abhängig war und eigentlich nie gewesen ist. Und so keimte eine Gewissheit in mir auf, die nun stark genug war, den Einflüssen meines Lebens zu Hause die Stirn bieten zu können.
Dank meines durch sie ermöglichten schulischen Erfolges erklärte sich sogar der damalige türkische Botschafter in Düsseldorf bereit, mir ein Stipendium für das Internat im Schloss Salem anzubieten. Dem mich erwartenden Schlafinternat sagte ich letztendlich jedoch ab, da ich es nicht übers Herz brachte, meine Mutter mit meinem gewaltsamen Vater zurück zu lassen. So kam es, dass ich letztlich in die fünfte Klasse einer städtischen Realschule re-integriert wurde.

„Unternehmen Zündfunke“

Sie können mir glauben, wenn ich meine, dass ich, rückblickend, nimmer geahnt hätte, welche Potenziale in mir schlummerten. Ihr allein habe ich den Glauben an mich zu verdanken – natürlich glaubten mit der Zeit immer mehr Menschen an mich, doch niemand von ihnen hatte sich vor ihrer Zeit die Mühe gemacht, so tief in mich hineinzugraben, wie sie es tat.
Also komme ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen zu dem Schluss, dass freilich nicht allein diejenigen gefördert gehören, welche latente Talente und Potenziale an den Tag legen, sondern auch diejenigen, deren Ambitionen verborgen geblieben sind.
Meine Erfolgsgeschichte wird aber selbst heute noch vom Erbe meiner damaligen Defizite überschattet, da ich meine häufigen Minderwertigkeitskomplexe und Versagensängste zwar weitestgehend kontrollieren, sie aber niemals vollständig besiegen kann – auch wenn es nach außen hin nicht den Anschein macht. Noch immer habe ich das unabwendbare Gefühl, dass ich für meine universitären Ansprüche mehr leisten muss als andere Studierende, die auf eine geregelte Schullaufbahn zurück blicken können, weil ich das Brandmal meiner Kindheit nicht ungeschehen machen kann. Ich laufe vielleicht nicht Gefahr, mich von diesen Gedanken übermannen zu lassen, da mir vollkommen bewusst ist, dass sie nur Hirngespinste sind – gleichzeitig weiß ich aber auch, dass diese Hirngespinste als solche existent sind, wenn auch nur inwendig. Wer sich diese Zeilen gewissenhaft zu Gemüte führt, wird der schwerwiegenden Dimension und der Tragweite solcher Prägungen gewahr. Mein Erfolg ist nur eine Ausnahmeerscheinung unter den vielen Menschen, deren Leben anhand einer frühzeitigen Isolation durch verantwortungslose Pädagogen verpfuscht ist – um nochmals zu bemühen, dass die Qualität dieses Titels in den meisten Fällen lediglich auf der Ausbildungsbescheinigung geschützt ist.
Diesem pädagogischen Defizit und dem von vielen Bildungspolitikern geäußerten Lippenbekenntnissen sucht die inzwischen pensionierte Frau Spitzl durch ihr Kinderhaus Luise Winnacker e.V. und dem damit verbundenen Projekt „Unternehmen Zündfunke“, das sie 1995 ins Leben rief, entgegen zu wirken. Das „Unternehmen Zündfunke“ verfolgt die Betreuung verhaltensauffälliger und erziehungsschwieriger Kinder und Jugendlicher durch die praxisnahe und verantwortliche Einbeziehung von Lehramtsstudierenden zur realitätsnahen Vorbereitung auf ihren späteren Beruf. Doch was diese Stätte so einzigartig macht, ist die von mir so beherzt beschriebene Pädagogik meiner ehemaligen Lehrerin – ich selbst bin das lebendige Beispiel für den Erfolg ihrer Pädagogik, die viel erfolgreicher sein könnte, griffen die Öffentlichkeit und die Bildungspolitik diese auf.
Daher möchte ich Sie bitten, das Kinderhaus Luise Winnacker in ihr Förderungsprogramm aufzunehmen. Das Personal und vor allem die dort betreuten Kinder werden es Ihnen danken. Darüber hinaus können Sie sich auch meiner Dankbarkeit und Demut sicher sein, falls Sie gewillt sein sollten, diesem Projekt einen würdigen Platz in Ihrer Stiftung einzuräumen. Ich zumindest hege keinerlei Zweifel daran, dass das Projekt den Kriterien Ihres Auswahlverfahrens genügen wird.

Mit diesen letzten Worten bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und verbleibe

Mit hochachtungsvollen Grüßen,

Ihr T. Y.

[1] Demmer, Ulrike: „Die unverdünnte Hölle“. In: Spiegel (05. Januar 2009). S. 26-29.