Reiten für Mädchen

„Nimm die Zügel in die Hand“

Nina! Was ist das für ein nettes Mädchen. So hilfsbereit, freundlich und fürsorglich!
„Nina? Um Himmelswillen, nur Ärger mit ihr in der Klasse und auf dem Schulhof Streitereien, Schlägereien, Provokationen der Lehrer und anderer Schüler, keine Leistungsbereitschaft! Schlimm!“

Das gleiche Mädchen! Zwei absolut gegensätzliche Beurteilungen! Wie ist so etwas möglich?

Das erste Zitat stammt von einer Mutter, die ihr körperbehindertes Kind zum therapeutischen Reiten bringt. Dort hilft Nina als Pferdepflegerin. Der zweite Ausspruch ist von Ninas Lehrern. Nina ist Schülerin einer Förderschule. Dort treffen sich all die Schüler, die aus den Allgemeinen Schulen aussortiert werden, weil sie auffällig wurden, weil sie in den meisten Fällen aggressiv, gewalttätig, provokant waren, Leistung verweigerten, die Schule schwänzten, weil sie resigniert hatten, weil sie depressiv waren, weil sie nicht mehr zu erreichen waren. Unser Reitprojekt wird von einer Studentin der Wuppertaler Uni und einer Fachkraft betreut. Anfängliche Scheu und Respekt vor den großen Tieren wird nach kurzer Eingewöhnungszeit und begierigem Lernen abgelöst durch liebevollen und selbstverständlichen Umgang mit den Pferden. Auch die weniger attraktiven Arbeiten, wie Ställe ausmisten, Stallgasse kehren usw. gehören zum Projekt. Ungewohnte Arbeiten, ja sicher , aber kein Murren, keine Proteste! Die teilnehmenden Mädchen haben in der Regel keinen Zugang zu Sportvereinen oder zu anderen sportlichen Tätigkeiten außerhalb der Vereine. Sie lehnen auf Grund negativer Vorerfahrungen Sport in den meisten Fällen ab. Ihre eigene Körpererfahrung ist eingeschränkt. Doch Pferde, Reiten, Voltigieren üben eine so grosse Faszination auf sie aus, dass sie sich trotz ungewohnter sportlicher Anforderungen nicht entmutigen lassen und beharrlich, verbunden mit ständiger Ermutigung der Betreuerinnen, weiterüben. Wie selbstverständlich stellen sich ein: Durchhaltevermögen, Beharrlichkeit, neues Körperempfinden, Schärfung der Sinne und damit einhergehend Erfolgserlebnisse, körperliches und seelisches Wohlbefinden, Aufbau von Selbstwertgefühl, Gesundheitsbewusstsein, Kooperations- und Kompromissbereitschaft. Die teilnehmenden Mädchen kommen ausschließlich aus städtischen Ballungsgebieten. Naturerfahrungen haben sie kaum. So genießen sie in besonderem Maße die ausgesprochen schöne Lage des Reiterhofs mit Feldern, Wiesen, Wald, Bach und Teich in unmittelbarer Nähe und lernen eine Lebenswelt kennen, die ihnen vorher verschlossen war. Das Besondere an unserem Projekt ist die damit verbundene Intention, die teilnehmenden Mädchen nach erfolgter Grundausbildung als Helferinnen einzubeziehen. Wenn auf dem Reiterhof Therapie für körperbehinderte oder unfallgeschädigte Kinder stattfindet, helfen unsere Mädchen, indem sie Pferde fertigmachen, diese führen, kleinere Hilfestellungen geben oder hier und dort, wo sie gebraucht werden zur Stelle sind. Es hat sich herausgestellt, dass gerade die Einbeziehung in diese Aufgabe besonders positive Auswirkungen auf Weltbild und Verhalten der Mädchen hat. Sie, die sonst eher Missachtung und Geringschätzung der eigenen Person erlebt haben und ein entsprechend negatives Selbstbild aufbauen mussten, erleben hier vielleicht zum ersten Mal, dass sie geschätzt und gebraucht werden, dass man Vertrauen in ihre Fähigkeiten und in ihr Verhalten hat. Sie lernen so erstmals ihre positiven Seiten kennen und können allmählich ein anderes, besseres Bild von sich gewinnen. Zwei unserer Mädchen, die sich als Helferinnen besonders engagiert und durch Verlässlichkeit auszeichneten, haben für ihren ehrenamtlichen Einsatz den ersten Wuppertaler Jugendpreis erhalten.